Bastian Bielendorfer

Die große Pause

Bastian Bielendorfers Corona Tagebuch

Für Bastian Bielendorfer klang das Wort „Hausarrest“ früher durchaus verlockend: Endlich auf der Couch abhängen und nicht nach draußen müssen – außer vielleicht, um sich von Mops Otto Gassi führen zu lassen.

Doch dann wird Bastis heimlicher Traum zum weltweiten Quarantäne-Alptraum. Die Hausärztin wird zur Seuchen-Expertin, der Postbote zum Hochrisikoarbeiter, die Klorolle zum Luxusgut. Und Bastis Zuhause mutiert zur Zwangs-WG mit Frau, Mops und Schwiegermutter. Nach ein paar Tagen im Horror-Hausarrest erklärt Basti der Corona-Angst den Krieg, bügelt entschlossen seine Jogginghose und beginnt damit, die Absurditäten dieser Wochen festzuhalten.

Manchmal endet die Party in einem brennenden Haus
erst dann, wenn jemand den Feueralarm drückt,
auch wenn vorher schon alle den Geruch von Rauch und
Flammen wahrgenommen haben.

Diese Corona-Chronik dokumentiert den Wahnsinn dieser Zeit auf kongeniale Art und Weise.

Das neue Buch

Die große Pause

``Wenn die Welt ein Intensivbett wäre, wollte ich Bastian Bielendorfer als Pfleger. Klug, empathisch, witzig. Unsere Zeit braucht Bücher wie dieses.`` Micky Beisenherz Mit genügend Humor wird alles leichter. Bastian Bielendorfer dokumentiert deshalb vom ersten Tag an, durch welche Absurditäten sich unser Leben seit dem Beginn des Corona-Wahnsinns verändert hat. Innerhalb weniger Stunden wird die Hausärztin zur Seuchenexpertin, der Postbote zum Hochrisikoarbeiter. Und Bastis Zuhause mutiert zur Zwangs-WG mit Frau, Mops und Schwiegermutter. Nach ein paar Tagen im Hausarrest erklärt Basti der Corona-Angst den Krieg und beginnt mit seinen schriftstellerischen Aufräumarbeiten in einer Welt, die nie wieder so sein wird wie zuvor.
Die große Pause
16,99 

Liebes Tagebuch…

LESERZUSCHRIFTEN – WIE ERLEBST DU DIE CORONA-ZEIT?

LESERZUSCHRIFTEN – WIE ERLEBST DU DIE CORONA-ZEIT?

Mein Name ist Pascal ich bin 27 und ich komme aus Dresden. Seit meiner Geburt lebe ich mit der Behinderung „Epidermolysis Bullosa“. Trotz aller Einschränkungen, versuche ich aus meinem Leben das Beste zu machen. Den Moment zu genießen und jede Facette, die das Leben zu bieten hat mitzunehmen, so lange ich die Möglichkeit dazu habe. Doch neben meiner positiven Ader habe ich auch mit Tücken zu kämpfen. Meine Hände sind zusammengewachsen. Diese kann ich nur beschränkt benutzen. Meine Haut ist so dünn wie die eines Schmetterlings. Weswegen eine sehr hohe Verletzungsgefahr besteht. (Die Krankheit wird auch Schmetterlingskrankheit genannt. Doch ich versuche diesen Begriff zu meiden. Ich bin kein Schmetterling!) Mein ganzer Körper ist voller Wunden. Einige größer andere kleiner. Deswegen bin ich in Verbände gepackt. Kurz gesagt: Ich gehöre zur Risikogruppe. Daher habe ich mir selbst schon sehr früh selbst Hausarrest auferlegt. Oder Quarantäne. Klingt cooler. Bisschen ängstlich war ich schon von Beginn an. Man muss es ja nicht drauf anlegen. Seit Anfang März halte ich mich nun also fast durchgehend in der Wohnung auf.

Mein Gesundheitszustand ist generell eher schwierig, aber mit Beginn der Pandemie wurde es noch deutlich schlimmer. Deutlich mehr Panikattacken und Angstzustände. Mir machte die Situation Angst. Ja, ich gehöre zur Risikogruppe. Ja, mir ist das unangenehm und ich komm mir mächtig doof vor. Zeitweise versuchte ich Nachrichten und Social Media komplett zu meiden. Als ich bei der Tagesschau in Tränen ausbrach und anschließend zu Finch Asozial und Achim Petry tanzte… sowas sollte nicht wieder passieren. Diese ganze Situation wirkte so absurd. Die Bilder aus Italien, Meldungen von Grenzschließungen. Ein Herr Spahn, der es sichtlich genoss im Rampenlicht zu stehen. Hatte alles was von einem schlechten Hollywood- Blockbuster, in dem am Ende The Rock überlebt. Verrückt wie nah an der Realität das Game „Plague Inc.“ ist. Oder umgekehrt? Ich weiß nicht woran es liegt – was der Trigger an der ganzen Geschichte für mich war – doch mir setzte das psychisch extrem zu. Ich hatte Angst.

Wirklich was erlebt habe ich in dieser Zeit nicht. Meine besten Freunde hießen Nintendo Switch und Xbox One. Beide sehr toll. So rettete ich beispielsweise gemeinsam mit Schiggy die Pokémon Welt in „Pokemon Mystery Dungeon: Retterteam DX” oder rette den Wald in „Ori and the Will of the Wisps“. Zumindest versuchte ich es. Parallel schrieb ich weiter an meinem Buch und nebenher noch an jeder Menge anderer Sachen. Wahrscheinlich bekommt man das meiste davon nie zu sehen. Zumindest war ich kreativ. Eigentlich wollte ich auch wieder Streamen. Dafür fehlte aber noch die Kraft und Motivation.

Mit der Zeit wurde die Isolation zur Routine. Ich stand auf, frühstückte, spielte Videospiele, las, überlegte was ich als nächstes tolles machen könnte, aß was, trank was, Abendbrot, Serien/Filme/Musik, einen Nacht-Snack und dann gings auch schon *hust* ins Bett. Immer und immer wieder… Tag für Tag.

Im April musste ich dann das erste Mail das Haus verlassen. Zum Arzt, Blut abnehmen. Da hab ich mir die Maske aufgesetzt und rollte hinaus in die „Rote Zone“. Ich glaube so fühlte sich Dr. Alan Grant als er im Jurassic Park ankam. Faszinierend. Fühlte sich nach der langen Zeit tatsächlich sehr merkwürdig an. So erstaunte es mich sehr, dass ein Großteil der Menschen ihre Maske unterm Kinn trugen. Nach etwa der Hälfte der Strecke zum Arzt, fragte ich mich: Mache ich vielleicht was falsch? Ich meine, ein so großer Teil kann ja nicht falsch liegen. Aber wer bin ich schon? Es war ein warmer frühlingshafter Tag. Montag. Ich erinnere mich, als wäre es gar nicht lange her. Die Angst saß gemeinsam mit mir im Rollstuhl und pfiff ein fröhliches Lied. Welch Ironie. Neben Kinn-Maskenträgern begegneten mir Unter-der- Nase-Träger, Schal-Träger und Rechts-Träger. Letzteres ist nur eine Vermutung, allerdings liegt man damit in Sachsen selten falsch *hust*. Nach meinem kleinen Ausflug in die Realität begab ich mich wieder in die Selbstisolation. Mit Hilfe meiner Freunde habe ich es tatsächlich geschafft, einen neuen Rechner in Gang zu bringen und wieder auf Twitch zu streamen. Das genieße ich sehr.

Jetzt im Juni scheint für die meisten die Corona-Pandemie vorbei. Politiker lockern immer mehr und vermitteln ein Bild von „Alles ist gut!“. Gefühlt gibt es ein Wettrennen: Welches Bundesland hebt als erstes sämtliche Beschränkungen auf? Wer stellt sich als großer Zampano hin und sagt „Also bei uns kann man ja schon wieder ohne Maske in Läden“. „Haha. Dafür haben bei uns alle Kindergärten offen!“ Anstatt sich einfach mal klar hinzustellen und zu sagen. „Hey, wir haben jetzt hier ein Problem. Jedes Leben zählt. Bitte haltet euch an die neuen Regeln!“ Nein. Nichts. Da ist wichtiger, dass in der Bundesliga der Fußball wieder rollt und dass die Autoindustrie wieder anläuft. Anstatt die Chance zu nutzen. Zu sagen: Hey, das ist der Moment in dem wir die E-Autos mal so richtig pushen. Nee, Hauptsache der Rubel rollt.

Ob Lehrer, Erzieher oder andere Berufsgruppen zusätzlich Gefahren ausgesetzt werden, ist dann auch egal. Danke für nichts. Danke an die, die nicht nur sich, sondern auch andere in Gefahr bringen. Ältere. Kranke. Schwache. Denkt doch bitte einmal nach! Und ein wirklich ernst gemeintes „Danke“ an all die, die Rücksicht nehmen. Die verstehen in welcher Situation sich unser Land, nein die Welt momentan befindet. Danke! Ein bisschen mehr Disziplin. Ein bisschen mehr Miteinander mit Abstand. Mehr braucht es nicht.

Corona, das ist wohl der Begriff, der sich im Jahr 2020 zum Unwort des Jahres entwickeln durfte. Was mir bisher nur als eine mexikanische Biermarke – die nicht unbedingt meinen Geschmack trifft – bekannt war, ist in diesem Jahr zur Pandemie geworden, die uneingeschränkt jedermann von uns, mal mehr, mal weniger betrifft. Als das Schicksal seinen Lauf nahm war es Anfang März 2020. Ich war aufgrund eines Bandscheibenvorfalls krankgeschrieben und verbrachte mit meiner Freundin T., die im achten Monat mit unserem ersten Kind schwanger war, einen sowieso schon eingeschränkten Alltag zu Hause. Die einzigen „Auswärtsspiele“ die wir hatten, waren für T. ihre Hebamme, ihre Ärztin und das Einkaufen. Für mich waren es der Physiotherapeut und das Einkaufen.

Zum Glück hatten wir den Geburtsvorbereitungskurs und den Säuglingspflegekurs bereits abgeschlossen. Mittlerweile wurde man mehrmals täglich mit immer mehr Nachrichten überflutet und gefühlt stündlich änderte sich die Lage. In Anbetracht dessen, dass wir kurz davor standen unser erstes Kind zu bekommen, war ich etwas erleichtert darüber, dass ich gerade in der doch turbulenten Zeit sowieso mehr oder weniger an zu Hause gebunden war. Meine Kollegen in der Sparkasse mussten sich mittlerweile aufteilen; nur noch die Hälfte war in unserer Hauptstelle im Einsatz, der Rest wurde ins „Home-Office“ geschickt. T. und ich waren mittlerweile bereits vier Wochen zu Hause, da ich immer noch krankgeschrieben war. Wir nutzten die Zeit, um das Kinderzimmer zu gestalten, Elternratgeber zu lesen und Anträge vorzubereiten. Nachdem die Welt um uns herum mit immer mehr Einschränkungen verbunden war, hatten wir so kleine und große Probleme wie „wo bekommen wir ein Kinderwagen her, wenn die Geschäfte geschlossen sind ?“ Kinderbasare wurden abgesagt, sodass wir uns auch hier nur mit Hilfe des Internets eindecken konnten. Leider schloss mittlerweile auch mein Physiotherapeut aufgrund der Pandemie seine Praxis und so musste ich alleine schauen, wie ich mich wieder fit bekomme.

Immerhin waren es bis zum voraussichtlichen Geburtstermin, dem 30.04.2020, nur noch viereinhalb Wochen und ich wollte ja auf jeden Fall dann wieder richtig fit sein. Aber Erstens kommt es anders und Zweitens als man denkt… Aufgrund einer Schwangerschaftsvergiftung wurden T.s Werte schlechter und sie musste ab dem 02.04.2020 im Krankenhaus bleiben. Besuch in Krankenhäusern war zu diesem Zeitpunkt prinzipiell verboten, nur für werdende und frischgebackene Väter wurden hier zum Glück Ausnahmen gemacht. Wir mussten uns mittlerweile mit dem Gedanken anfreunden, dass unser Baby drei Wochen früher zur Welt kommen sollte, als ursprünglich geplant. Wegen der Schwangerschaftsvergiftung entschieden die Ärzte, die Geburt bei T. mit Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche einzuleiten. Das Krankenhaus in Rüsselsheim bot glücklicherweise Familienzimmer an. So durfte ich von Anfang an bei T.s Einleitung dabei sein.

Am 11.04.2020 um 22.24 Uhr kam unser Sonnenschein J. auf die Welt. Seit diesem Tag beglückt sie jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde und jeden Tag unser Leben und hat es komplett gemacht. Da meine vier Wochen Elternzeit ich direkt nach der Geburt genommen habe, war ich auch ab diesem Zeitpunkt weiterhin zu Hause. Da, wo andere aufgrund von Kontaktsperren und sozialen Einschränkungen mittlerweile trübsinnig wurden, gab es für uns eine andere Art der Lebensumstellung – gefühlt fast fernab von Corona. Mit einem Säugling zu Hause gibt es keine Langeweile.

Wir sind mal gespannt, welche Version ihrer Geburt wir unserer Tochter erzählen können, wenn sie älter ist. Können wir ihr sagen „als Du damals auf die Welt gekommen bist, stand die Welt Kopf“ oder erzählen wir ihr die Version „seitdem Du auf der Welt bist, ist die Welt anders als vorher?“ Wie dem auch sei, wir haben Johanna einiges zu erzählen und wir verbinden mit dieser Zeit den positiven Gedanken, das schönste Geschenk auf der Welt bekommen zu haben. Es ist meine Coronageschichte.

Im Februar 2020 bekam ich eine Nachricht auf einem totgeglaubten Datingprofil. Es war eine eher unbekannte Plattform, die zudem ohne App funktionierte. Das Profil war seit drei Jahren online und ich habe darin pflichtbewusst 100 (!) Fragen zu mir selbst beantwortet. Ich bekam selten Anfragen, mit Anfang 40 ist Dating sowieso schwierig, meist versandeten Kontakte sehr schnell. Ich hatte mich also wirklich nicht mehr damit befasst. Gelöscht war es nicht, aber ich meldete mich auch nicht regelmäßig an, um nachzuschauen. Ich bekam eine Benachrichtigung und sah, dass sich eine attraktive Frau gemeldet hatte. Sie schrieb, dass sie mein Profil charmant fände und ich manche der unzähligen Fragen amüsant beantwortet hätte. Ich bedankte mich zunächst höflich und stellte mich vor. Meinen Beruf hatte ich angegeben (Augen zu, Basti: Ich bin Lehrer) und so kam man ins Gespräch über meine Tätigkeit. Ein Lehrer muss dann immer eine komplette Stellenbeschreibung angeben, also Schulform, Fächer und Funktionen an der Schule. Sie war als freiberuflicher Coach tätig und zudem bei der Beratung von Arbeitslosen im öffentlichen Dienst angestellt.

In den nächsten Wochen war der Kontakt eher spärlich, aber dann kam ab Mitte März der Lockdown und wir waren beide im Home-Office. Ich überarbeitete meine Homeschooling-Materialien für meine Klassen und war in Prüfungsangelegenheiten tätig. Sie war zu Hause und musste nun telefonisch Ihre Klienten beraten. Zusätzlich wurde sie von der Grundschule ihres Kindes mit Aufgaben zugeballert und hatte nun die nächsten Wochen 24/7 ihren Nachwuchs am Hals. Ja, jede Mutter liebt ihr Kind, aber wenn beide rund um die Uhr nur sich und niemand anderen sehen, schlägt das bei beiden aufs Gemüt. So kam es, dass wir häufiger abends telefonierten, es musste nun keiner früh raus, um zur Arbeit zur fahren, man konnte morgens im Jogginganzug zum Schreibtisch schlurfen.

Daraus entwickelten sich tägliche stundenlange Telefonate und als ich irgendwann mal die Statistiken meines Smartphones durchscrollte, sah ich, dass ich in einem Monat mehr telefoniert habe, als in drei Jahren seit Kauf des Handys.

Im April war sie zusehends vom Homeschooling für das Kind genervt und so bekam auch ich das Lehrerbashing ab. Irgendwann fragte sie, ob wir uns nicht mal sehen könnten. Ich fühlte mich unsicher. Alle Leute bleiben zu Hause, ich sehe meine Verwandtschaft nicht, da diese aufgrund des Alters zur Risikogruppe gehört, und jetzt sollte ich eine fremde Frau treffen? Aber das Interesse war natürlich da und so fragte ich dann, wo wir uns treffen wollen.

Gastronomie war noch nicht wieder zugänglich, sie konnte ihr Kind nicht beaufsichtigen lassen, was sollten wir da machen? Sie sagte, dass in knapper Entfernung und in Blickweite zu ihrer Wohnung eine Bank stehen würde, auf der sonst Passanten bei einem Spaziergang verweilen. Wenn sich jeder an das Ende einer Bank setzten würde, könnte man doch genug Abstand halten und wenn etwas mit ihrem Kind sei, könne sie schnell hingehen. Wir saßen knapp zwei Stunden da und redeten wie sonst am Telefon. Es lief gut, wir verabschiedeten uns und telefonierten weiterhin häufig. Dieses Treffen wiederholten wir und ich erhielt beim zweiten „Bankdrücken“ das wohl romantischste Geschenk, dass man zum Lockdown-Beginn wohl bekommen konnte. Ich wohne in einer Großstadt und sie etwas außerhalb im ländlichen Bereich und ich schilderte ihr, wie sehr mich das Hamstern der anderen Leute nervt und ich beim Kauf von Toilettenpapier verzweifle. So bekam ich zum Abschied eine Packung Toilettenpapier. Ich war tatsächlich erfreut, so albern wir das auch beide fanden. Diesmal umarmten wir uns auch zum Abschied, was die Abstandsregeln trotz dicker Daunenjacken unterlief. In den nächsten Wochen trafen wir uns häufiger, dann aber bei ihr, ich lernte ihr Kind kennen und fühlte mich schon bald wie ein Bestandteil der Familie. Das alltägliche Leben ging wieder los und ich beschloss, nun endlich meine Familie und Freunde, die nicht in meiner Nähe wohnen, über die Beziehung in Kenntnis zu setzen. Vorher hielt ich es für falsch, da ich mich von ihnen fernhielt, aber zeitgleich eine für sie fremde Frau traf. Zu Pfingsten war mein erster Besuch in der Heimat seit drei Monaten geplant und ich hoffte, dass die Freude über meine persönliche Anwesenheit die Tatsache überstrahlen würde, dass ich eine Frau traf und sie alle nicht.

Dazu kam es aber gar nicht mehr. Es zeigte sich schon bei Gesprächen, dass wir ziemlich unterschiedlich waren und man quasi keine Gemeinsamkeiten hatte. Sie meinte in Gesprächen immer, dass wir das schon schaffen und sie an uns glauben würde, da Partner sich nicht ähneln müssten. Dies rührte mich tatsächlich zu Tränen. Eines Abends im Mai meldete ich mich ab, dass ich zum Fußballschauen eingeladen war und unser abendliches Telefonat ausfallen müsste. Über Nachrichten hielten wir natürlich trotzdem Kontakt, als ich zu später Stunde auf dem Rückweg zu meiner Wohnung war, wünschte ich noch eine gute Nacht. Der Kontakt wurde aber für mich plötzlich deutlich weniger, Telefonate gab es keine mehr, sie verwies auf beruflichen Stress, da sie Beratungen durchführte und ihr Kind mit zur Arbeit nehmen musste, da die Grundschulen geschlossen waren. Ich nahm das verständnisvoll hin und hoffte auf den nächsten Tag. Sie war wieder nicht zu erreichen und ich meinte, dass sie sich einfach melden sollte, wenn es ihr passt. Ich wäre „telefonierfähig“ und „besuchsbereit“. Das zog sich über die nächsten Tage und ich erhielt dann freitags die Nachricht, dass sie mich momentan nicht sehen will. Das war also ihre Form des Schlussmachens. Da sie vertiefende psychologische Kenntnisse besitzt, was beruflich durchaus seinen Nutzen hat, bekam ich ungewollt eine komplette Psychoanalyse vor den Latz geknallt, was alles mit mir nicht stimmen würde. Nach zwei Stunden voller Nachrichten, die mir angeblich nur helfen sollten, verabschiedete ich mich, da ich mich jetzt dem Ende der Beziehung widmen wollte.

Was manche in 20 Jahren Beziehung durchmachen, passierte also bei mir in knapp 3
Monaten. Ich werde jetzt nicht rührselig, das behalte ich für mich, ich schließe bloß mit dem, was bleibt. Neben dem Toilettenpapier gab es noch eine Anekdote, die einen Lachflash bei mir verursachte: Während wir an einem Abend auf dem Sofa kuschelten – kein Kopfkino, da lief nichts –, sagte sie, dass sie nicht mit mir ins Bett gehen könnte. Jeder Mann kennt diesen Satz und er ist soweit auch in keiner Form tragisch. Sie begründete es aber mit diesen Worten: „Da liegt die Bügelwäsche.“ Ich sagte lachend, dass ein einfaches Nein auch genügt hätte, man müsste doch keine Ausreden finden. Dabei war das nur ihre Tatsachenbeschreibung. Sie war nicht zum Bügeln gekommen und bevor ich da war, hat sie alles nur weggeräumt. Es blieb ein Running Gag in den verbleibenden Wochen, die Lösung war bei späteren Treffen einfacher als man denkt: Man wirft alles vom Bett runter.

An einem der vielen langweiligen Tage saß ich abends auf meiner Couch und war auf Facebook aktiv. Ein ehemaliger Klassenkamerad postete damals ein Rätsel. Bei richtiger Antwort sollte man es ebenfalls posten, mit Markierung der Person, von der man es hatte. Gesagt, getan. Rätsel gelöst, gepostet und von einer Freundin lösen lassen, die es wiederum postete. Bisher nichts Spektakuläres.

Bis ich ein paar Tage später eine Nachrichtenanfrage erhielt, von einem Freund dieser Freundin. Er stellte sich sehr höflich vor, erwähnte, wie er mich gefunden hat und schrieb, dass ich ihm sehr gefalle. Er fragte mich auch direkt, ob ich Single wäre und ob ich gerne eine feste Beziehung hätte. Ich war von seiner Nachricht sehr positiv beeindruckt. Zum einen, weil man auch über Facebook enorm viel Mut braucht, um so etwas zu schreiben und zum anderen, weil er mir mitgeteilt hat, dass er erst seit 5 Jahren in Deutschland wohnt – dafür war sein Deutsch außerordentlich gut! Ich schrieb ihm zurück, dass ich mich sehr über seine Nachricht gefreut habe und dass ich ihn gerne kennenlernen würde. Wir tauschten relativ schnell unsere Nummern aus und schrieben viel über den Tag verteilt.

Doch irgendwann bekam ich keine Antwort mehr. Ich war zu dem Zeitpunkt sehr beschäftigt mit meinen Online-Vorlesungen und kam erst drei Tage später auf die Idee, ihn mal zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Seine Antwort war sehr ehrlich und bereitete mir schon ein schlechtes Gewissen: „Ich hatte das Gefühl, dass du nicht wirklich interessiert daran bist, mich kennenzulernen. Ich habe immer sehr viel gefragt, aber von dir kommt nie wirklich etwas zurück. Ich wollte dich nicht weiter stören.“ Das saß. Ich musste erstmal darüber nachdenken und sah in unserem Chatverlauf, dass ich wirklich sehr passiv geschrieben hatte. Das war aber definitiv nicht meine Absicht, denn den positiven Eindruck den ich von ihm hatte, baute er durch seine Art immer weiter aus. Also schrieb ich ihm, dass ich nicht wollte, dass er so denkt und dass ich mir Mühe geben werde, auch mehr Interesse zu zeigen. Er freute sich sehr und beim Telefonieren fragte er mich, ob wir uns trotz aller Corona-Umstände mal persönlich treffen könnten. JA! Sehr gerne sogar.

Wir wollten eigentlich am darauffolgenden Samstag an einem Stausee spazieren gehen, doch dann einigten wir uns auf Autokino am Donnerstag. Was mich daran besonders gefreut und überrascht hat, ist die Tatsache, dass ich meiner besten Freundin ein paar Tage vorher noch gesagt habe, dass ich unbedingt mal ins Autokino möchte. Der Donnerstag kam und ich war schon lange nicht mehr so aufgeregt. Wir trafen uns in der Mitte unserer Wohnorte und fuhren zusammen nach Köln ins Autokino, was für uns beide eine Premiere war. Dort standen wir in der zweiten Reihe und hatten eine tolle Sicht auf die Leinwand. Doch vom Film haben wir nicht wirklich viel gesehen. Wir unterhielten uns so gut, dass alles andere in dem Moment egal war und die Zeit verging wie im Flug. Ich hatte in dem Moment ein Gefühl, das ich so schon lange nicht mehr gefühlt habe. Ich war einfach nur glücklich. Tatsächlich küssten wir uns auch schon an diesem Abend. Die Tage vergingen, wir schrieben und telefonierten, trafen uns mehrmals die Woche und irgendwann kam das Gespräch, in dem wir klären, dass wir definitiv zusammen sein wollten.

Corona hat, trotz aller unschönen Ereignisse und unzähliger Todesfälle, zumindest für mich ein tolles Ereignis hervorgerufen: eine Beziehung, nach der ich mich lange gesehnt habe und einen Freund, der alles mitbringt, was ich mir gewünscht habe. Wenn die Beschränkungen nicht erlassen worden wären und ich somit keine Langeweile gehabt hätte, hätte ich nie an einem solchen Rätsel teilgenommen. Er hätte mich wohl nie bei Facebook gefunden, geschweige denn angeschrieben. Wir hätten uns wahrscheinlich nie kennen-und lieben gelernt. Doch (fast) alles Negative hat auch seine positiven Seiten. Und die habe ich zum Glück entdecken können.

Die Leidensgeschichte von meiner Frau und mir beginnt schon etwas vor Corona. Wir haben letztes Jahr im Sommer geheiratet und wollten anschließend eine Woche in die Flitterwochen nach Zypern fliegen. Leider hat sich der Urlaubsanbieter dann kurzfristig in die Insolvenz verabschiedet. Es folgten Frust, viele Schreiben und hey, eine Teilrückerstattung.

Aber, aufgeschoben heißt ja nicht aufgehoben! Ein halbes Jahr später sollte es dann nach Griechenland gehen. Anfang Mai. Super Termin, oder? Da wir bei einem relativ kleinen Anbieter gebucht haben, entschlossen wir uns lieber selber zu stornieren. Stornogebüren? Egal, lieber sicher die Kohle bekommen, bevor die auch noch insolvent gehen. Denkste! Man behält die Kohle lieber ein. Vielleicht entschließt der Bund ja, dass eine Gutscheinlösung okay ist. Moment, habe ich nicht selber storniert und in Kauf genommen nicht alles wieder zu bekommen? Ist es nicht eine Straftat Geld einfach einzubehalten? Interessiert nicht. Zwei Monate hin und her, zum Schluss dann ein „Danke“ für unsere außerordentliche Geduld.

Dritter Versuch. Der Lockdown ist vorbei, wir besitzen einen Wohnwagen – auf nach Mecklenburg-Vorpommern! Aber Moment, was passiert denn da? Über 400 positiv getestete Werksarbeiter bei der Firma Tönnies und wir kommen aus dem Kreis Gütersloh. Wenn das mal gut geht. Und…es geht nicht gut. Über 1500 positiv getestete Personen aus der Schlachtindustrie im Kreis. Ergo ihr (Kreis Gütersloh) seid nicht mehr willkommen. Aber immerhin, wir bekommen unser Geld sofort zurück, juhu. Wir geben nicht auf! Dann muss halt unser Dauerstellplatz herhalten, den pachten wir ja immerhin. Außerdem liegt der nur 500m hinter der Landesgrenze zwischen NRW und Niedersachsen und die haben NOCH nichts gegen uns. Und wieder falsch! Im gepackten Auto auf dem Weg zum Naherholungsgebiert teilt uns der nette Mann im Radio mit, dass man auch in Niedersachsen nicht wirklich an uns interessiert ist und wir mal besser zuhause bleiben.

Schnauze voll, ab nach Hause, schnell das bereits länger gewünschte „Aufpuste-Kanu“ gekauft und ab auf den heimischen Fluss Ems. Wahre Erholung so durch die schöne Flusslandschaft zu schippern und den Aufenthalt im Hotspot zu genießen. So hat man auch die Chance etwas Kurioses zu Erleben. Wir, entspannt in Badebuchs, tragen unser neu erworbenes Prachtstück zu Fuß die wenigen Meter vom Fluss nach Hause. Keine 100m entfernt erblicken wir zwei Fahrzeuge der Einsatzhundertschaft in Körpervollschutz die den einkasernierten osteuropäischen Fleischfacharbeitern Abstriche abnehmen. Verrückte Welt…

Dies als kleiner Einblick in die Coronawelt aus Sicht eines im Kreis Gütersloh, genauer
gesagt in Rietberg, lebenden Ehepaars. Es ist eine Katastrophe was hier abgeht und damit meine ich nicht unsere geplatzen Urlaube. Die von Herrn Laschet ausgesprochene Bitte, die Einwohner des Kreises nicht zu stigmatisieren läuft ins Leere. Wer aus dem Kreis Gütersloh kommt ist unerwünscht. Da kann das Kennzeichen außerhalb des Kreises schonmal dafür sorgen, dass der Lack ein Andenken erhält.

Noch schlimmer, wenn auf dem Kennzeichen vorne ein RO (Rumänien) oder BG (Bulgarien) steht, da kommt dann auch mal ‘ne warme Sanierung in Betracht. Da ist man doch froh, wenn man Verwandtschaft (Mutter/Schwiegermutter) in Bielefeld hat, ein Auto leihen und inkognito Reisen kann. Wo sind wir Stand heute, der Ausbruch ist ca. eine Woche her und ein kompletter Kreis – insbesondere die bösen Werksarbeiter – werden ausgegrenzt und angefeindet. Das Ganze hat aber immerhin etwas Gutes, die Aufmerksamkeit von Politik und Gesellschaft werden auf diese mafiösen Zustände gerichtet.

Zu Beginn war Corona nur ein Thema in den Nachrichten – irgendeine Infektion von der ich in den Nachrichten gehört und gelesen habe, aber ernst genommen habe ich es nicht. Hey, die Eishockeysaison lief schließlich noch und die Kölner Haie hatten noch eine Minimalchance auf die Playoffs. Die Atmosphäre in der Arena, mit einigen tausend Fans ist einfach besonders. Am 08. März hatten die Haie ein Auswärtsspiel in Augsburg und wir waren eingeladen, dort bei Freunden zu übernachten. Samstagabends gab es eine Tour durch die Augsburger Brauhäuser, Treffen mit vielen anderen Leuten inklusive. Sonntag dann auf zum Spiel, natürlich mit der Tram. In der Arena waren zigtausend Leute, darunter sehr viele mitgereiste Haie-Fans…es wurde geherzt, gedrückt, gesungen, geschunkelt…. Auf dem Rückweg im ICE schrieb plötzlich jemand in die Facebook-Fangruppe: „Sitzt noch irgendwer im ICE, der gerade in Stuttgart am Bahnhof zwangspausiert? Hier sind gerade Polizisten und Leute in weißen Schutzanzügen durchgelaufen. Es gibt wohl einen Coronaverdacht.“ Oh…es war nicht „unser“ ICE, aber er hätte es sein können und zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass es wohl doch nicht so weit weg sei. Ich begann zu googlen und versuchte mich zu informieren. Gleichzeitig beruhigten wir uns mit dem typischen Spruch: „Uns passiert doch nix.“ In der Woche darauf waren 3 Geburtstage im Familien- und Freundeskreis. Zwei davon wurden abgesagt, weil die meisten Eingeladenen nach einer Blitzabfrage per WhatsApp abgesagt hatten. Zu der Party die dann stattfand (mein Mann feierte mit einem Freund zusammen) kamen dann erheblich weniger Leute und man bemerkte eine gewisse Verunsicherung. Ich arbeite in einem Sekretariat und zu der Zeit fand in unserem Haus eine mehrwöchige Schulung für Azubis statt, die kurz vor der Prüfung standen und noch über eine Woche Lehrgang zu absolvieren hatten. An einem Nachmittag gab es dann plötzlich die Order, dass der Lehrgang am folgenden Morgen abgesagt und die Teilnehmenden nach Hause geschickt würden und plötzlich fühlte sich für mich die Lage dramatisch an, sie war quasi angekommen.

Kurz darauf wurden wir gebeten mitzuteilen, ob wir zum Kreis der Risikopersonen gehören – ja, als Asthmapatientin gehöre ich definitiv dazu und es folgte die noch immer andauernde Zeit im Homeoffice. Corona war tatsächlich in meinem kleinen Kosmos angekommen und nicht mehr nur eine Schreckensnachricht in den Medien. Meine Tochter war als Au Pair in Kanada und eigentlich war ihre Rückreise für Mitte April geplant. Plötzlich hieß es, sie müsse früher abreisen, die Agentur buchte ihr einen Flug mit British Airways via London – zu dem Zeitpunkt einer der Hotspots der Pandemie. Aber ihre Gastfamilie wurde aktiv, setzte Himmel, Hölle und Congress in Bewegung, damit sie (ebenfalls Asthmapatientin) nicht reisen musste. In diesem Moment war ich extrem froh über die digitalen Möglichkeiten, aber auch dankbar für so wunderbare Menschen, die sich um mein Kind genauso sorgten, wie wir Eltern.

Und nach einigen bangen Tagen kam dann die erlösende Info: Das Visum wurde verlängert, sie kann bleiben. (Mittlerweile ist klar, dass sie noch einige Wochen länger bleiben wird/muss). Hier zu Hause gewöhnten wir uns dann an das Kontaktverbot – ich besuchte meine Mama nicht, meine Schwester übernahm das und einkaufen gingen wir nur selten. Soziale Kontakte fanden nur noch virtuell und digital statt, so ein wenig habe ich diese Ruhe und diese langsamere Gangart auch genossen. Ein Freund infizierte sich mit dem Virus, glücklicherweise verlief es bei ihm glimpflich – allerdings hat er bis heute noch mit Atemwegsproblemen zu tun. Eine Freundin starb an Krebs während der Zeit des Kontaktverbotes – wir gingen trotzdem zur Beerdigung und es war eine besondere Erfahrung, wie man „mit Abstand“ Trost spenden und die letzte Ehre erweisen kann.

Und dann kam das für mich persönlich schlimmste Corona-Erlebnis. Es hat mit der Pandemie eigentlich rein gar nichts zu tun, wird für mich aber wahrscheinlich immer damit verbunden bleiben: Durch einen dummen Zufall habe ich erfahren, dass mein Mann mich betrogen hat. Das hat mir nach 20 Jahren Ehe den Boden unter den Füßen weggezogen und plötzlich war ich noch dankbarer dafür, dass er nicht in Kurzarbeit war und ich im Homeoffice arbeiten konnte – so gingen wir uns erstmal aus dem Weg. Da wir aus einer Generation stammen, die nicht gleich alles wegwirft, sondern repariert, arbeiten wir daran, unsere Ehe zu retten. Ich bin sicher, dass uns das gelingen wird, genauso wie es gelingen wird, diesen blöden Virus zu bekämpfen. Wichtig ist in beiden Fällen, dass sich alle bewusst sind, dass es nur gemeinsam funktioniert.

Über mich sollte man folgende Fakten wissen: Mein Name ist Anita , 29 Jahre jung , ok – 38 Jahre alt , lebe im mittelschönen Westerwald. Ich habe zwei Kinder , F., 9 Jahre, und J., 20 Jahre. Und dann gibt es noch L., den Terrier, 6 Jahre. J. ist bereits ausgezogen, genau genommen 2 Straßen weiter, zu seinen Großeltern, als er vor 2 Jahren beschloss, dass ich als Mutter nichts tauge. So leben F., L. und ich in einem kleinen Häuschen. Die Bezahlung dessen war schon immer spannend, aber es hat immer gereicht und funktioniert. Nach einem 5.000 Euro-Wasserschaden im letztem Jahr dachte ich: „Ach, das Jahr 2020 wird alles richten“. Und dann hat alles begonnen: 2019 endet mit einer Beziehungskrise, und 2020 startet mit einer Versöhnung. Voller Euphorie freute ich mich auf alles bevorstehende.

Kurz vor Corona-Beginn beschloss mein ehemaliger Arbeitgeber ohne seine Bezirksleiter für dieses tolle Barfußschuh-Unternehmen weiter zu arbeiten. Und schmiss ohne Vorwarnung alle weiblichen dieser Stelle raus. Yeah, Freizeit ! Arbeitslos, Haus, Kind – Äääähmmm ob das gut geht?

Also nahm ich mir vor, erstmal drei Wochen zu entspannen. Dann kam Corona: DIE Krise. Kriiissse, Krise des Lebens. Mein damaliger Freund hat mich verlassen, da er ja auch dort arbeitete wo ich erst rausgeschmissen wurde, und überhaupt – als Frau war ich irgendwie doch nicht das Richtige. Arbeitsamt: Ne keine Geldleistungen, der Arbeitgeber hat seine Unterlagen nicht eingereicht. Wer bezahlt das Haus? Fragen Sie doch Freunde. Da bin ich nicht für zuständig. Währenddessen beschloss mein ohnehin kranker Vater, noch kranker zu werden . Mein Sohn wollte mich noch mehr hassen, sich aber mit seinen Problemen auseinandersetzten. Puh, ein Schritt weiter. Meine Welt bricht zusammen, muss ich das Haus verkaufen , finde ich jemals wieder einen Job ? Ach da war ja noch was – Corona. Keine Konzerte, keine Freunde treffen – keine Ablenkung. Oh Gott, ich wurde ja verlassen, ich bin ja allein, das halte ich niemals aus. Wer trinkt abends Wein mit mir, wer nimmt mich in den Arm?

Kurzer Schluss: Vor lauter Selbstmitleid, vor lauter LAUTER Gedanken habe ich eine ganz wichtige Sache übersehen. Mein Glück stand ununterbrochen an meiner Seite: Meine Tochter und mein Hund. Mit meiner Tochter konnte ich Gespräche führen wie noch nie, ich habe meine Tochter neu kennengelernt. Vorher habe ich 40-55 Stunden die Woche gearbeitet. Die Wahrnehmung war betrübt. Mein verrückter Hund hat jede Sekunde meines Leides aufgesaugt und versucht mich zu trösten. Meine Augen sind offen, glücklich, zufrieden und dankbar . Einen Job habe ich noch immer nicht gefunden, mein Ex ist Gott sei Dank nicht zurück gekommen, die Millionen sind nicht auf dem Konto – Aber ich habe das wundervollste Geschenk der Welt. Echte Liebe!

Seit zwei Jahren sind mein Verlobter M. und ich nun verlobt. Am 01.06.20 wollten wir groß poltern, am 04.06.20 standesamtlich heiraten und am 06.06.2020 sollte endlich unser großer Tag sein – unsere kirchliche Trauung. Da wir beide sehr gerne organisieren und nichts auf den letzten Drücker machen, war alles bereits geplant. Die Gespräche mit unserem Standesbeamten, Pastor, Gasthaus, Fotografen und der Band waren schon geführt. Menükarten, Liederhefte, Tischzahlen und vieles mehr waren schon im Februar mit einigen meiner Freundinnen gebastelt worden. Es fehlten nur noch unsere Trauringe, die wir Mitte April selber schmieden wollten. Wir waren also bereit und freuten uns darauf, dass wir die letzten Monate vor der Hochzeit nicht allzu viel Stress mit den Vorbereitungen haben werden. Dachten wir zumindest. Dann kamen die ersten Corona-Nachrichten und Mitte März brach das erste Mal für mich eine Welt zusammen, denn wir bekamen vom Bistum die Information, dass alle Messen bis auf Weiteres eingestellt werden und bis Mitte Juni alle Veranstaltungen ausgesetzt werden.

Da war es passiert, zum ersten Mal kam der Juni ins Gespräch, da wurde uns klar, dass auch wir um unsere Hochzeit zittern müssen. Nachdem ich mich erst einmal einen Tag lang eingeschlossen habe, mich stundenlang telefonisch bei meiner Familie ausgeheult habe und sauer auf alles und jeden war, fassten wir neuen Mut und gingen alles noch einmal sachlicher an. Wir schrieben also das Gasthaus, unsere Band, die Kirche und unsere Goldschmiede an. Die Antwort war bei jedem dieselbe: „Wartet erst einmal ab! Das wird schon. Meldet euch im April noch einmal.“ Da ich in der Apotheke arbeite und dort einiges mitbekommen habe, starb für mich die Hoffnung, unsere Hochzeit wie geplant feiern zu können, mit jedem Tag ein bisschen mehr. Mittlerweile hatten wir wegen Corona auch schon 30 Absagen für unsere Feier und der Termin zum Brautkleid abstecken stand an. Nachdem wir vier Wochen ein Wechselbad der Gefühle hatten, meldeten wir uns dann bei allen Dienstleistern erneut und fragten, wie wir die Situation für alle Seiten gut regeln könnten, aber immer noch waren alle der Meinung, dass bis Juni wohl alles wie früher sein wird. Der Tag war für mich ein Tiefschlag, denn die Ungewissheit über vier Wochen hinweg hat an den Nerven gezehrt und auch unsere Beziehung belastet. Wir wollten Klarheit! Nach einigem Hin und Her, konnten wir für alle Beteiligten aber gute Lösungen finden und waren froh, dass wir nicht weitere vier Wochen zittern mussten. Wir sagten die Polterei ab, entwarfen eine Change-the-Date-Datei, die wir unseren Gästen online schickten und auf die wir ganz tolle und liebe Antworten bekamen, die zeigten, wie viele mit uns mitgezittert haben. Das war so aufbauend und hat M. und mich trotz der ganzen Situation fröhlich gestimmt.

Eines stand aber für uns beide fest: wenn wir dürfen, ziehen wir die standesamtliche Trauung durch, egal was kommt. Also fragten wir unseren Standesbeamten, wie die Situation denn wäre. Die Antwort kam prompt: keine Angst, wir drei würden uns an dem Tag auf jeden Fall sehen. Alles andere ließe sich noch nicht sagen. Nun ging also die nächste Zitterpartie los, jeden Tag schaute ich auf der Homepage unseres Landkreises, wie die tagesaktuellen Vorschriften sind.  Bis zwei Wochen vor der Trauung war der Stand, dass nur das Brautpaar mit dem Standesbeamten ins Standesamt dürfen. Wir fanden uns mit der Situation ab und konnten dem auch ein wenig Romantik zusprechen. Für unsere Familien organisierten wir einen Live-Stream, sie hätten also irgendwie dran teilhaben können.

Dann kam aber der erlösende Anruf, wir dürften mit bis zu 20 Personen ins Standesamt, allerdings die Gäste nur mit Mundschutz, das Brautpaar darf ohne (das mit dem Küssen wäre sonst auch interessant geworden). Außerdem dürfen Hochzeiten mit 20 Personen gefeiert werden. So stürzte ich mich also zwei Wochen vor der Trauung in die Organisation, hatte auf einmal 100 Ideen, die ich noch umsetzen wollte und freute mich einfach tierisch auf unsere Hochzeit. Endlich mal gute Nachrichten in der Corona-Zeit. Da die Trauung um 17 Uhr angesetzt war, luden wir also die entsprechenden 20 Personen schon nachmittags zu uns in den Garten ein, bereiteten einige Snacks vor, bei denen wir ebenfalls versuchten, die Coronaregeln einzuhalten. Spricht keinen Kuchen, sondern Muffins, die sich jeder nehmen sollte, kleine Getränkeflaschen, die zur Selbstbedienung bereitstanden etc. Gemeinsam fuhren wir dann zum Standesamt, hatten eine traumhafte Trauung, auch wenn es ein sehr komisches Bild war, unserer Gäste im ganzen Raum verteilt mit den Masken sitzen zu sehen. Nach der Trauung mussten wir das Standesamt sofort verlassen, sprich, drücken lassen von der Familie war nicht drin. Aber das war nur ein kleiner Wermutstropfen. So verließen M. und ich mit unseren Gästen das Standesamt und entdeckten vor dem Gebäude einen geschmückten Fiat 500 Cabriolet. Daneben stand einer meiner lieben Onkels, der ein großer Autofanatiker ist, mit einem riesigen Schild: „M. & M”.. Da begriffen wir, das ist für uns. Leider fing es genau in diesem Moment an zu regnen, aber das war uns egal. Immerhin heiraten wir nur einmal und deswegen öffneten wir das Dach, stellten uns hinten in das Auto und los ging die Fahrt. Am Straßenrand standen verteilt auf 11 Stationen Freunde, Familienmitglieder und unsere Sportmannschaften. Jeder hatte eine kleine Überraschung für uns vorbereitet, selbstgemachten Schnaps, Luftballons, Biere, Geschenke uvm. bekamen wir ins Auto gereicht. Es war eine super schöne Überraschung, die uns sehr gerührt und Freude bereitet hat.

So bekamen wir die Möglichkeit, unsere Hochzeit trotz Corona zusammen mit unseren Liebsten feiern. All die emotionalen Aufs und Abs waren an diesem Tag vergessen und wir hatten eine wunderschöne standesamtliche Hochzeit, die wir ohne Corona so vermutlich nie gehabt hätten.

Ende Februar 2020 war ich mit Kollegen auf unserem jährlichen Kurztrip in Malaga/Spanien. Im Vorfeld machte ich mir Gedanken über meine noch nicht ganz ausgeklungene Grippe. Was passiert, wenn ich niesen muss? Was wenn ich einen Hustenanfall bekomme? Lässt man mich fliegen? Gehe ich in Quarantäne? Wie ist es umgekehrt? Darf ich wieder nach Deutschland? Ich ignorierte meine innere Stimme und ließ es darauf ankommen. Am Flughafen und in Malaga selbst sah man den ein oder anderen Asiaten mit Mundschutz. Wir machten eher Witze darüber und genossen unseren Aufenthalt. Obwohl wir mitbekamen, dass Italien die Grenzen schloss. Glücklich zurück, verfolgte ich in den Nachrichten das Geschehen in Italien und kurz darauf in Heinsberg. Ich machte mir Gedanken und war betroffen, nur es fühlte sich immer noch weit weg an. Keiner ahnte, wie schnell sich die Lage verändern würde.

Knappe drei Wochen später. Es gab den sogenannten Shutdown. Das öffentliche Leben wurde runtergefahren und die täglichen Aufgaben veränderten sich und wurden andere. Privat durfte man keinen Kontakt zu fremden Personen haben. Innerhalb der Familie nur mit denen, die in einem Haushalt lebten. Es galt Abstand von 1,5 m zu halten, Hände waschen und desinfizieren, Hamstereinkäufe starten. Klopapier, Nudeln, Mehl, Hefe waren der Renner und somit schnell Mangelware. Verrückt. Beruflich wurde nun auf einem anderen Level unterrichtet. Ich bin Werkstattlehrerin am Berufskolleg, heißt ich arbeite mit den Schülerinnen und Schülern praktisch. Es war eine Herausforderung die Unterrichtseinheiten so zu verschriftlichen, dass sie virtuell von den SuS umgesetzt und verstanden werden können. Medienkompetenz – gut, dass es gerade Fortbildungen gab. Es musste eine Tagesstruktur her. Das hieß für mich aufstehen um 6 Uhr: Sportklamotten an und walken, 6:40 Uhr frühstücken, Körperhygiene starten, Haushalt erledigen und ab 9 Uhr bis 15 Uhr Büropräsenz für die SuS und Vorbereitungen für kommende Aufgaben – in der ersten Woche.

In der zweiten Woche wurde aus dem täglichen Walken …. alle zwei Tage. Der Rest waren Videoclips auf YouTube, die allein angesehen keinen Bock machten. Die Möbellieferung kam, hatte Aufbauservice bestellt, fiel aus. Massivmöbel stand im Hauseingang und wartete auf Einsatz. Die Büropräsenz wurde stellenweise bis auf 22:30Uhr abends ausgedehnt, inkl. eines völlig legitimen Drinks und langen Telefonaten mit Freunden, Familie und Kollegen. Gedanken, die dabei aufkamen: Darf man mit seiner Freundin spazieren gehen? Sie wohnt am anderen Ende des Kreises, meine GPS Daten vom Handy werden bestimmt gescannt. Polizei an jeder Ecke, ich will keine Strafe. Darf ich in ihre Wohnung? Bin doch eine Fremde. Paranoia pur.

Die dritte Woche. Das Wetter ist schlecht, kein Walken, hin und wieder Fitness YT-Videos, alles blöd, mir fehlen meine Sparringspartner aus dem Gym, mir fehlen meine Kollegen am Tisch mit ihrem ständigen Geblubber und der chaotischen, aufgeräumten Unordnung. Ich ordne meinen Tisch zuhause so an, dass es optisch annähernd angleicht, aber die Geräusche fehlen, also alles blöd. Podcasts sind meine Unterhaltung und Geräuschkulisse neben der täglichen Portion Musik, Netflix, Disney+ und Prime. Ich holte unter einem Kraftakt der Selbstdisziplin meine neuen Brillen ab. Bin erschrocken, wie sich die Menschen in der Öffentlichkeit benehmen.

Unser an Demenz erkrankter 90jähriger Opa ist gestürzt und Oma sagt nichts. Zwei Tage später erfährt die Familie davon. Opa kommt ins Krankenhaus auf die Intensivstation. Keiner darf hin. Einmal täglich ein Anruf von fünf Minuten und Oma stellt die falschen Fragen. Ärzte sind Halbgötter.

In der vierten Woche zelebrierte ich einen Video-Call mit meinem Sohn, drei Stunden. Wir kochten zusammen, saßen jeder in seiner Wohnung am schön gedeckten Tisch und wir genossen unser Osteressen. Wir hatten Spaß und es war irgendwie eine großartige Sache. Trotz allem fehlte das Umarmen, das Berühren, das Riechen. Über den Video-Call kam nur ein wenig Wärme rüber. Ich saugte jede kleine Minute auf, wollte sie wahrnehmen und spüren. Es war schwer, am Ende fiel ich zusammen und weinte. Die ganze Situation ist surreal. Zumindest hat jeder mir wichtige Mensch eine Osterpostkarte bekommen. Die weiteren Wochen zogen ins Land. Ich habe dem ein oder anderen negativen Gedanken seinen freien Lauf gelassen. Es waren kleine Wasserfälle, die aus einem herausflossen.

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht reflektieren würde. Die Situation als Single in einer eigenen Wohnung mit weiter entfernten Freunden und Familie ist ziemlich krass. Ich kann mich beschäftigen und Hobbys sind vorhanden. Der fucking Virus ist eine neue Herausforderung der besonderen Art. Ich hätte mir gewünscht, dass die Menschen einfach mal alle reflektieren würden und zwar mehr in die Richtung Miteinander, Nächstenliebe und Zusammenhalt und nicht in Richtung purer Egoismus und „nach mir die Sintflut“. Natürlich ist die Selbstliebe wichtig, man sollte nur nicht den Rest der Welt vergessen. Zumindest das tägliche Umfeld. Ich habe mich gefreut, als wir wieder vor Ort arbeiten konnten. Aus der Isolation raus und unter Menschen. Ich wollte alle umarmen und knuddeln, aber das ist leider immer noch untersagt. Ich vermisse die alten Begrüßungs- und Verabschiedungszeremonien, die wohl so in nächster Zeit nicht stattfinden werden.

Entfremden wir uns weiter oder kommt man sich auf anderer Ebene näher? Der Grundcharakter kann selten verändert werden, hin und wieder explodiere ich über Ungerechtigkeiten und Ignoranz genauso wie vor der Zeit. Trotzdem bin ich jetzt ruhiger, sanfter, nachdenklicher und reflektierter geworden.

Es lässt sich nicht darüber streiten, dass Corona/COVID-19 eine furchtbare Erkrankung ist, die unfassbar vielen Menschen das Leben gekostet, vielen Leuten die Arbeitsplätze geraubt, die Ausbildungspläne durchkreuzt und vor unerwartete Herausforderungen gestellt hat. Mir persönlich hat diese Zeit aber auch einige wertvolle positive Erfahrungen gegeben. Eine Welt, die sich über „höher, schneller, weiter“ definiert, stand plötzlich still. Das Hamsterrad drehte sich nicht mehr wie gewöhnlich und für eine kurze Zeit schien nicht mehr die Wirtschaftlichkeit, sondern die Gesundheit der Menschen im Fokus zu stehen.

Für mich als junge Wissenschaftlerin war es definitiv ein Gewinn, dass auf Expertenmeinungen gehört und auf Prävention gesetzt wurde. Eigentlich traurig, dass es erst eine Pandemie benötigt, um das Wohl des Menschen in den Vordergrund zu stellen. Die getroffenen Entscheidungen geben mir aber die Hoffnung, dass auch in Zukunft bei politischen Fragestellungen die Gesundheit über die Wirtschaft gestellt werden kann und wer weiß, vielleicht Reihen sich hier noch weitere wichtige Aspekte wie der Umweltschutz oder Bildungsförderung mit ein. Mir persönlich nahm die Veränderung von heute auf morgen den alltäglichen Leistungsdruck. Natürlich macht man sich diesen in erster Linie selbst. Doch ist es im Alltag gar nicht so einfach aus dem Hamsterrad zu entfliehen, wenn man als Kind bereits in der Schule eingetrichtert bekommt, dass man möglichst die perfekte Karriere hinlegen sollte, sich stets beruflich weiterentwickelt und dabei am besten noch Familie, Freunde, Ehrenamt und Hobbies unter einen Hut bringt. Durch die neuen Möglichkeiten im HomeOffice zu arbeiten und das Kontaktverbot, war plötzlich eine Sache im Überfluss vorhanden: Zeit! Es ist schon paradox, dass mir genau diese freie Zeit, der Ausbruch aus dem Hamsterrad, die Möglichkeiten gab mich weiter zu entwickeln. Sie förderte Ideen und Kreativität, die sich nicht nur auf meine Hobbies bezogen, sondern auch Ideen, die mich beruflich weiterbringen konnten und es in Zukunft hoffentlich noch werden. Besonders berührt haben mich persönlich das anfängliche Verständnis und die Hilfsbereitschaft vieler Leute während des Kontaktverbots. Dadurch, dass JEDER von dieser Krankheit betroffen war, saßen WIR alle in einem Boot. Menschen, die sich zum Teil zuvor nicht einmal kannten, halfen einander oder schrieben aufmunternde Worte. Kinder malten bunte Regenbogen an ihre Fenster, um anderen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern und zu sagen: „Ihr seid nicht allein. WIR schaffen das gemeinsam!“.

Natürlich gab es auch diejenigen, die nur an sich und ihr (Über-) Leben dachten. Denn in der Zeit, in der ich aus meinem Hamsterrad ausbrach, begannen anderen Menschen damit ihren inneren Hamster heraus zu lassen. Doch darauf möchte ich an dieser Stelle nicht genauer eingehen. Die Aufmerksamkeit gebührt denjenigen, die Rücksicht aufeinander nahmen, einander endlich wieder richtig zuhörten, sich zur Seite standen, Verständnis für jede Art von Situationen hatten sowie denjenigen, deren Arbeit der Gesellschaft von besonderem Nutze war und immer noch ist. Berufsgruppen, denen sonst die gebührende Anerkennung fehlt, wurden endlich gesehen. Noch nie habe ich so viele Beiträge über systemrelevante Berufe wie Pflegekräfte, Fachkräfte im Einzelhandel oder in der Abfallwirtschaft in den Medien gelesen und gesehen. Und auch wenn ich nicht zu diesen Berufsgruppen gehöre, schmerzt es, dass bereits nur wenige Wochen nach dem Kontaktverbot diese Gedanken schon wieder aus den Köpfen vieler Menschen verschwunden sind. Wenn wir ehrlich sind, haben die letzten Monate jedem von uns gezeigt, was uns im Leben wichtig ist. Auf der einen Seite hat die Pandemie uns Wege aufgezeigt, die das Leben auf die eine oder andere Weise erleichtern oder die Welt ein Stückchen besser machen könnten. Mir persönlich hat sie gezeigt, dass in vielerlei Hinsicht weniger manchmal mehr ist. Denn die Welt geht nicht unter, wenn nicht alles nach Plan läuft. Andererseits hat die Pandemie jedem deutlich gemacht, von welchen Lebensbedingungen wir abhängig sind und wen oder was wir durch die zahlreichen Einschränkungen am meisten vermissen. Die Corona-Zeit hat uns somit die Chance gegeben unsere eigenen Lebensziele zu finden; das Wissen darüber geschenkt, wie wir unsere Lebenszeit am liebsten verbringen. Und ist es nicht letztendlich unser aller Ziel unser persönliches Glück im Leben zu finden?

Bis zum letzten Jahr habe ich mir meinen Lebensunterhalt mühselig in zwei Jobs in Handel und Veranstaltungsgastronomie in teilweise mehr als 70 Stunden die Woche verdient. Durch den dadurch bedingten Zeitmangel und die täglich hunderte, manchmal mehr als tausende Gäste und Kunden, die „gekannt werden wollen“,  mit denen ich am Tag rede muss und die Aufmerksamkeit wollen, bin ich Single und genieße zu Hause absolute Ruhe. Einen Partner, der (zu Recht) Anspruch auf Zeit mit mir hätte, der mir was erzählen will, der neben mir Geräusche macht, oder einfach nur atmet, kann ich mir definitiv nicht mehr vorstellen. Nicht einmal Körperkontakt hab‘ ich vermisst. Die unzähligen Umarmungen liebgewonnener Menschen tagtäglich reichen mir.

Mittlerweile hab‘ ich aus diversen Gründen der Gastronomie komplett den Rücken gekehrt und arbeite im Schnitt nur noch rund 20 Stunden die Woche.  Dann kam Corona… Ich war sehr dankbar, dass ich an der Kasse eines Discounters systemrelevant war und wenigstens drei Mal die Woche raus gehen und mit Menschen reden konnte. Die Kunden waren einfach toll! Sie waren extrem dankbar dafür, dass wir für sie da waren und wir wurden mit Lob, Dankbarkeit, Gesundheitswünschen und Süßigkeiten überhäuft. Meine Kollegen und ich waren darüber sehr überrascht, denn schließlich haben wir einfach nur unseren Job gemacht. Okay, abgesehen davon, dass ANDERE Kontakte vermeiden sollten und wir täglich mehreren hundert Menschen schutzlos ausgesetzt waren.

Durch die immense Gefahr mich vielleicht angesteckt zu haben und dadurch potenzieller Überträger zu sein, habe ich mich privat komplett an das Kontaktverbot gehalten und mich quasi selbst in Quarantäne begeben. Abgesehen von den drei Schichten sitze ich also alleine zu Hause. Kein Treffen mit Freunden, keine einzige Umarmung mehr, nicht ein einziger Körperkontakt – nach ein paar Wochen einfach Horror! Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal so dermaßen einsam fühlen würde…

Es gibt allerdings etwas, dass ich inzwischen als noch schlimmer empfinde. Die Stimmung draußen hat sich komplett gewandelt. Vielfach wird die Disziplin im Land gelobt und ich frage mich, wo sie zu finden ist. Ich wünschte, es wäre so! Die Maskenpflicht hat die Nation gespalten. Sicherlich gibt es viele vorbildliche und verantwortungsbewusste Menschen. Aber viele sehen sie nicht als Pflicht, sondern als „Kann-Angebot“. In einer sehr ruhigen, halben Schicht habe ich mir die Mühe gemacht und eine Strichliste geführt, wie viele Kunden ich darauf hinweisen musste eine Maske zu tragen, bzw. nicht nur den Mund, sondern auch die Nase zu bedecken, oder auch nur einen Einkaufswagen zu nutzen. In nur 4 Stunden an dem wie gesagt, ruhigen Nachmittag, musste ich 50 Ansagen machen. Während einige es offensichtlich einfach nur vergessen haben (bzw. es zumindest vorgaben), sehen es andere als Aufforderung zur Diskussion über den Sinn oder Unsinn von Masken. Es gibt keine Verschwörungstheorie, die mir noch nicht mitgeteilt wurde und, dass ich ein dummes Schaf wäre, dass den Pandemiequatsch auch noch glauben würde. Wenn ich dann darauf hinweise, dass wir uns einfach nur an die Vorgaben halten und sie bei Nichtachtung bitte den Laden verlassen möchten, wird mir zuerst die Befugnis dazu abgesprochen, dann wird es persönlich und beleidigend. Aus Anstand verkneife ich mir die Worte, die mir an den Kopf geworfen werden.

Wenn, wie ich befürchte, jetzt nach den Lockerungen dank der Ignoranten, Fahrlässigen, Ungläubigen und Schwurbler die Zahlen der Neuinfizierten wieder steigen und wir in der Konsequenz noch härtere Einschränkungen als am Anfang auferlegt bekommen, fürchte ich bürgerkriegsähnliche Verhältnisse.  Noch nie habe ich so sehr gehofft, eine Situation falsch einzuschätzen und eines Besseren belehrt zu werden, wie in dieser! Bitte bleibt vorsichtig, achtsam, verantwortungsbewusst und
vor Allem gesund!

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Portrait Bastian Bielendorfer

Bastian Bielendorfer ist Stand-up-Comedian, TV-Host, Podcaster, Diplompsychologe und Lehrerkind.

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